Immer wieder Bildungsprotest
Soziale Selektion durch Studiengebühren, das dreigliedrige Schulsystem, das verkürzte Abitur, die Umstellung auf Bachelor und Master-Studiengänge und die einhergehende weitere Verschulung des Studiums: von der Student_innenbewegung „für Solidarität und freie Bildung“ und verschiedenen Schüler_innenbündnissen als unsoziale und verschärfte Zumutungen der aktuellen Regierung erkannt und unisono abschaffenswert. Honorig die emsig organisierten Vollversammlungen und Demonstrationen der buntscheckigen Bewegung aus Studis, Schüler_innen, linken Parteifunktionär_innen und Gewerkschaften zur Abwehr dieser offenen Angriffe auf den kärglichen Bestand an gesellschaftlichen Möglichkeiten zur individuellen Entfaltung, Fortbildung und geistigen Unabhängigkeit unter kapitalistischen Vorzeichen.
Doch was bedeutet es, wenn Studierende, Schüler und Schülerinnen „freie und solidarische Bildung“ fordern und hoffen, diese mit einem Streik durchsetzen zu können, obwohl es an den Lehranstalten keinerlei wertschöpfende Produktionsmittel gibt, mittels deren Nichtbedienung sie schmerzhaft störend in den Kapitalakkumulationsprozess eingreifen könnten, um Entscheidungsträger_innen zu diesem oder jenem politischen Votum zu nötigen? Was bedeutet dieser Widerstand in anbetracht der Komplexität der kapitalistischen Verhältnisse und der Einbindung eines jeden Einzelnen für einen Versuch, aus grundlegenden ökonomischen Gesetzmäßigkeiten herauszukommen, die allen Menschen ständig verschlechternde Lern- und Lebensbedingungen aufnötigen?
Eine Rahmenhandlung zum Weglaufen --- Dem tendenziellen Fall des Gebrauchswerts der Bildung liegt die kapitalistische Produktionsweise zugrunde. Die stetige Fortentwicklung der Produktivkräfte – der Maschinen, Werkzeuge, Wissenschaften und Techniken zur Nutzung der Naturressourcen – erfordert eine immer höhere Spezialisierung der Anwender_innen. Vereinfacht ausgedrückt: eine Baggerfahrerin muss ihren Bagger bedienen können, so wie ein Volkswirt eben den Rechenschlüssel zur Erhebung des Bruttosozialprodukts kennen muss, um am zukünftigen Arbeitsplatz seine Aufgabe erfüllen zu können. Mehr nicht. An keinen konkreten Zweck gebundenen Bildungselementen, einem Wissen, das sich nicht „rechnet“, nicht verspricht, innerhalb des gesamtgesellschaftlichen Produktionsprozesses für die Verwertung des Werts nützlich zu sein, kann an den Schulen und Universitäten keine bestimmende Rolle eingeräumt werden, insofern eine Nationalökonomie konkurrenzfähig bleiben möchte. Die „Bildung“ wird den Menschen, die versuchen, sich unter diesen Sachzwängen auf ein Leben voller Lohnarbeit vorzubereiten, nicht „geklaut“, wie es in vielen Protestparolen heißt, sondern lediglich rationalisiert und den aktuellen Anforderungen der verschärften Weltmarktkonkurrenz angepasst. Zusammengefasst: die Kosten der Ware Arbeitskraft müssen gesenkt werden, die Ausbildungszeit muss verkürzt werden und die „Qualifikation“ gleichzeitig erhöht werden. Die enge Verzahnung von berufsbezogenem Unterricht mit lokalen Betrieben durch Betriebspraktika an Haupt- und Realschulen, die zunehmende direkte Einflussnahme der Wirtschaft an den Hochschulen, die Verlagerung der Studienfinanzierung auf Stipendienvergabe durch Konzerne und Stiftungen an Student_innen, das G8-Abitur, die verschärfte Selektion durch Bachelor und Master- Studiengänge sind unter dieser Prämisse betrachtet nur vernünftig.
Von der Patina des bürgerlichen Genieglaubens an „individuelle Begabungen“ befreit bedeutet „Bildung“ lediglich: Zurichtung, Dressur, eine klassenspezifische Aufwertung der vom Kapital benötigten menschlichen Arbeitskraft. Nicht von ungefähr ist besonders in Deutschland die schulische Karriere eines jungen Menschen vom Geldbeutel der Eltern abhängig und die Klassengrenze so undurchlässig wie zu Großmutters Zeiten (das belegen selbst bürgerliche Studien). Wozu sollte der Staat (oder die Wirtschaft) einen Menschen aus den viel zitierten „bildungsfernen Schichten“ mit einem hohen personellen und finanziellen Aufwand bis zu einem Doktor- oder Professor_innentitel aufpäppeln, wenn diese Leistung von der „gebildeten Schicht“ zu einem bedeutenden Teil bereitwillig und kostenlos vom Elternhaus erbracht wird? Zudem kann keine Volkswirtschaft mit einer Besatzung, die ausschließlich aus Akademiker_innen besteht, produzieren. Irgendwer muss für 6,45€ bei Mc D. Burger braten und frühmorgens mit hängenden Gesichtszügen in die Fabrik marschieren, um sich Tag für Tag in der Maschinerie bis zur Unkenntlichkeit entfremden zu lassen.
Diese Arbeitsteilung im Verwertungsprozess des Kapitals, die konsequenterweise schon in der Bildung angebahnt wird, ist deswegen unter Androhung des Untergangs der jeweiligen Nationalökonomie gewollt. Aus dieser Gesetzmäßigkeit führen auch Gesamtschulen nicht heraus. Die selbst beim besten Willen der Regierenden aufgrund der beschriebenen Sachzwänge unüberschreitbare Grenze zur Schaffung „gleicher Bildungschancen“, ist damit deutlich markiert. Deshalb sind die schmerzhaften Rationalisierungsmaßnahmen an Schule und Universität nur als unmittelbare Notwendigkeit der zugrunde liegenden Produktionsverhältnisse zu betrachten. Die aktuelle Umstrukturierung ist der institutionelle Versuch, die Lehranstalten und die zu vermittelnden „Bildungs“- Inhalte an die internationale Konkurrenzsituation anzupassen, um hierzulande bei der weltweiten Schlacht der Kapitalien, auf dem Rücken der eigenen nationalstaatlich parzellierten, möglichst preisgünstigen und gut ausgebildeten Arbeitsarmee, auch in Zukunft auf der winning side des reichen Westens zu agieren.
Der einzige wirkliche Weg aus dem Ungemach dieser systemimmanenten Sachzwänge und Klassenbeschränkungen wäre die Aufhebung der zugrunde liegenden Eigentumsverhältnisse und die Kollektivierung aller Produktionsmittel zwecks gemeinschaftlich organisierter Erzeugung aller zum Leben notwendigen Gebrauchswerte. Damit niemand mehr zum Überleben seine Arbeitskraft als Lohnarbeit verkaufen muss und die unter kapitalistischen Vorzeichen institutionalisierte „Bildung“ von den Individuen in eine gesellschaftliche Form echter Wissensaneignung- und vermittlung verwandelt werden kann. Dieser switch to communist mode of production ist allerdings nicht – wie viele leider immer noch glauben – mittels des Staates zu verwirklichen. Will mensch die skizzierte Aufgabe ernsthaft angehen, sind Appelle an den Staat und seine Organisator_innen obsolet. Egal ob die Sozialdemokraten von der Linkspartei, die FDP, die CDU oder die „kommunistische“ Partei in den Parlamenten die Mehrheit innehat. Als ideeller Gesamtkapitalist, als geschäftsführender Ausschuss der Kapitalistenklasse, kann der Staat nur sehr beschränkt Regulator eines „wild gewordenen menschenfeindlichen Neoliberalismus“ oder gar sozialstaatlicher Bändiger des Kapitalismus selbst sein. Er bleibt immer Exekutor der „Sachzwänge“. Diese Gesetzmäßigkeiten sind von der Weltmarktkonkurrenz gesetzt und können an keinem Standort von irgendeinem Staat wirklich angetastet werden. Alle Verbesserungen die in diesem Rahmen durchaus möglich sind, haben sich im Endeffekt immer nur als Politik des kleineren Übels erwiesen.
Der Schleier hinter dem sich dieser grausam rationale Vorgang verbirgt, ist von den gebeutelten Subjekten nur zum Teil selbst erzeugt. Aber einmal erschwert die Tatsache, dass dem Staat eine naturwüchsig als „Volksherrschaft“ erscheinende Legitimation aus alle vier Jahre abgehaltenen Wahlen zukommt, es zusätzlich, zu erkennen, dass Staat und Kapital zwei Seiten einer Medaille sind und die Bildungspolitik deren Äquivalent. Auch die Verdinglichung von konkret funktionsgebundenen Fähigkeiten, die meist nur im Kapitalismus Sinn machen – Werbeindustrie, Bankwesen, etc, alle Berufsbilder und Studienfächer die daran hängen – zu allgemeingültiger, quasi menschenrechtlich garantierter „Bildung“ verstellt einen klaren Blick auf die Verhältnisse. Weder das Beschulungswesen wie es ist und schon immer war, noch der Protest gegen Selbiges wäre ohne dieses ideologisch verfälschte Bild auf die Beine zu stellen. Ein wirklicher antagonistischer Widerstand gegen die von der Bildungsprotestbewegung treffend als „Lernfabriken“ gekennzeichneten Schulen und Universitäten müsste sich zuvorderst aus den beschriebenen kapitalistischen Imperativen gedanklich herausarbeiten, um auch in der Praxis konsequent aus dem Quark kommen zu können. Doch Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein, und welche/welcher Studierende gesteht sich schon gerne die freiwillige Selbstdressur zu fremdbestimmten Zwecken ein.
Die bedrängten Darsteller_innen --- Während die proletarische und nichtakademische Mehrheitsgesellschaft an Stammtischen begriffslos poltert, sich in Alkoholismus, Fußball oder Religion vor den Qualen eines Lebens als Arbeitsdrohne flüchtet, jeden wählt, der konsequente Repression gegen diejenigen verspricht, die sich dem gemeinschaftlich beschlossenen Leid vermeintlich zu entziehen suchen – wahlweise: Nichtdeutsche, Manager_innen, „Juden“, „Zigeuner“, Sozialschmarotzer und Arbeitsscheue – und nach getaner Lohnarbeit nach Hause geht, um der Familie und den Nachbarn eine Portion der erlittenen Entfremdung zuteil werden zu lassen, schlängelt sich die potenzielle Führungskraft, das studentische Bildungsbürgersubjekt mit eleganteren Manövern des Selbstbetrugs durch die Affäre.
Auf dem Gymnasium, zeitlich vorgelagert zur nächsten staatlich konstituierten Klasseninitiation – dem Abitur, in räumlicher und sozialer Abgrenzung zu Haupt- und Realschüler_innen, kann der Habitus der Elite von manchen noch spielerisch einstudiert werden. Später auf der Universität beginnt „der Ernst des Lebens“ wirklich. Unter Strafe der Teilhabe an den ökonomischen Lebensbedingungen des Proletariats haben die Studierenden ideologische Scheiße, die staatstragenden Herrschaftsskills und das funktionalisierte Wissen zu fressen, zu glauben und zu reproduzieren, das ihnen nur als ehrwürdige „Bildung“ daherkommend schmackhaft erscheinen kann. Die für diesen fadenscheinigen Selbstbetrug notwendige individuelle Verdrängung dunkler Ahnungen ist konstitutiv. Entweder wird das ideologische gesellschaftliche Über-Ich in Form des universitären Umfelds als letzte Instanz der eigenen Bedürfnisökonomie internalisiert, oder der ehemals brave Bildungsbourgeois wird ausbrechen, in seinem Umfeld Missverstehen erzeugen, ins Gerede kommen, die ihm zugewiesenen gesellschaftlich vermittelten Aufgaben nicht wahrnehmen können und die letzte Hoffnung auf einen privilegierten Status einbüßen. Die studentische Hilfsarbeit in Büros und Archiven etc. – die die meisten von ihrer Stellung in der Produktion her sowieso temporär zum faktischen Proletariat macht – wird tragisches Klassenschicksal der Degradierten. Dieser Werdegang ist eine wirkmächtige, unausgesprochene Drohung, und jede/jeder weiß das. Weil es den kühnen Typus derjenigen, die „…in offener Verachtung… das, was sie leicht dem Studiensystem entnehmen, zu dessen Zerstörung benutzen…“ von dem die Situationistische Internationale 1966 in ihrer Broschüre: “Über das Elend im Studentenmillieu“ schrieb kaum noch gibt, an die mensch sich zur Erbauung und solidarischen Ermunterung anlehnen könnte, fügen sich selbst die Avancierteren dem herkömmlichen Lauf der Dinge. Weil der kritische Blick auf die eigene Situation und Selbstwahrnehmung meist schwierig ist, der Verlust der universitären Solidarität schier unerträglich erscheint und der Konformitätsdruck einer berechtigten Hoffnung auf den sozialen Aufstieg stetig vorantreibt, bleiben der Student und die Studentin, mögen sie sich noch so aufmüpfig, sozial bewegt, oder gar revolutionär geben, was er/sie ist: ein funktionierendes Rädchen und Schräubchen der Verhältnisse. Angehende Organisator_innen des Produktionsablaufs (zB. Ingenieur_innen und Logistiker_innen), oder Sozialtechniker_innen (zB. Psycholog_innen und Pädagog_innen), die dafür sorgen, dass der Laden läuft und sich das psychische und physische Elend derer, die durch die stetige Verbesserung der Produktivkräfte für die Kapitalakkumulation überflüssig geworden sind, nicht allzu offen zeigt. In der Quintessenz ihrer übergeordneten ökonomischen Funktion eine für das kapitalistische System notwendige Rolle erfüllend, die jedem prügelnden Streikbrecher vor dem Fabriktor eines beliebigen sweat-shop der dritten Welt gleichkommt. Auch wenn sie keine menschenfeindlichen Zyniker_innen sind, sondern das genaue Gegenteil der Fall sein mag. Ein höheres Gehalt, eine bessere Versorgung mit Gebrauchswerten lässt die „Leistungsträgerinnen“ und „Leistungsträger“ den Selbstbetrug, die Lebenslüge vom selbst erarbeiteten gesellschaftlichen Aufstieg leichter schultern. Sie glauben noch, sie täten der Menschheit einen selbstlosen Gefallen. Auf dass die übergroße Mehrheit der Menschheit – das Proletariat – bis in alle Ewigkeit das bleibt was es ist: die im höchsten Maß zum lebendigen Anhängsel des Arbeitswerkzeugs zurechtdrangsalierte Masse! Die Parolen: „Wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut“, und „Rettet die Bildung“, erhalten unter den hier angedeuteten Vorzeichen eine bittere und groteske Konnotation.
Solange die Studierenden nicht beginnen, ihre eigene Aufhebung als Dressurobjekt zu betreiben, solange die Beschulten nicht die Beschulung und die Zurichtung für das Kapital verweigern und solange die arbeitende Klasse nicht die Quelle ihrer täglichen Schmach – die Lohnarbeit – erkennt und danach trachtet sie zusammen mit dem Kapitalverhältnis das sie reproduziert abzuschaffen, solange bleiben im Kampf für bessere Lern- und Lebensbedingungen nur reformistische Forderungen und das ermüdende Kleinstgefecht um jede freie Stunde, jeden Euro und jeden Cent.
Trotzdem. Um den gehässigen Takt des Arbeitskommandos temporär zu verlangsamen und auf diese Weise wenigstens den Insassen der Universitäten und Regelschulen einige kurze Verschnaufpausen zur Reflexion über die bedrückenden Lebensbedingungen zu erkämpfen, stimmen wir selbstverständlich der bescheidenen Parole zu:
Gegen Studiengebühren,
weg mit dem dreigliedrigen Schulsystem,
weg mit dem G8- „Turboabitur“.
Contact: neocommunistinnen@gmx.de
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