Der Gemeinde auf der Spur

„Vernebelt aber Praxis durchs Opiat der Kollektivität die eigene aktuelle Unmöglichkeit, so wird sie Ideologie ihrerseits.“1

Anlässlich des Aufmarsches von Neonazis zum Gedanken der Opfer der Allierten in Dresden, entschied sich die Szene-Band Egotronic dazu, Konzerte auf zwei antifaschistischen Kundgebungen zu spielen. Dazu wurde ein Interview gegeben, was die Motivation und Intention hierzu für Egotronic klarstellen sollte. Verkam die Diskussion in den Comments zu einer Gleichstellung mit Popstars, wollen wir kurz umranden, was wir unter Antifa inzwischen verstehen.2

„Was ich aber auch relativ wichtig finde…also wir spielen ja am Freitag auf der Kundgebung von Venceremos und am Samstag auf der Party von No-Pasaran. Ich finde es wichtig, gerade an so einem Tag, auch ein bisschen Geschlossenheit zu zeigen. Es gibt sicherlich inhaltliche Unterschiede[…], aber gerade an den zwei Tagen, find ich, dass man über bestimmte Sachen auch hinwegsehen müsste und Geschlossenheit zeigen muss, denn es ist eine der größten neonazistischen Demonstrationen der Geschichte überhaupt. […]wir halten das für richtig und wichtig“

Der Szenefrieden wird gepredigt- als Durchhalteparole ausgegeben! Es ist also nicht wichtig innerhalb der Szene den kritischen Diskurs zu suchen/führen, sondern, um das Kollektiv bei Laune zu halten, dies auszublenden -zu tabuisieren- schließlich raven ja alle gegen Deutschland mit. Der eine borniert eben mehr, der andere weniger. Hier wird eine theoretische Praxis im Vorfeld auf stumm geschaltet, geht es doch nur darum, einen von zahlreichen Neonaziaufmärschen zu verhindern. Der Feind ist forciert- Theorie darf man da bei Seite lassen. Für den einen steht der Gewinn bei dem Steinwurf, bei anderen bei einem kostenlosen Egotronic-Konzert etc.pp.. Dass dies aber das ganze Dilemma der Antifa-Bewegung, soweit man hier noch von Bewegung reden darf, zeigt, dass Egotronic selbst von einer Szene spricht. Es ist nicht mehr eine politische Bewegung, wie früher einmal.3 Das Lustprinzip ist viel wichtiger geworden. Leute, die der Szene nicht passen, werden denunziert, ausgeschlossen, nicht für “real”genug genommen. Einzelne Rackets benehmen sich wie Herrscher über die Szene und geben ihren Inhalt, in dem es immer „ums Ganze“ geht, in die Szene als Input hinein und dies wird als wahr und noch nie da gewesen hingenommen. Dass dabei einige Gruppen zu Gangs verkommen, lässt ihnen einen Machtbereich zugestehen, in dem sie frei nach ihrer Ausrichtung agieren können. Dabei werden diese Gruppen in ihrem Inhalt, Auftreten etc. gut kopiert und als “emanzipatorisch” wichtig dargestellt. Der Männerbund Antifa, der Prügelflügel der Antifa, spielt sich dabei als Exekutive der Szene auf. Wer nicht den Eid ehrt, bekommt eben die Extrabehandlung. Dass es dabei zu Gewalt innerhalb der Szene kommt, widerspiegelt das ganze Dilemma der radikalen Linken.Warum sollte es also wichtig sein ein “Wir”-Gefühl zu zeigen, wobei doch die Szene als ganzes abzulehnen ist? Man sollte lieber die Szene zerstören, den alten Ramsch wegwerfen,schauen was man vielleicht behalten kann, anstatt mit solcher Pseudo-Praxis weiter zu machen.

„Zum einen werden wir nach wie vor aus dem antifaschistischen Umfeld gebucht. Es sind sowieso dann immer Leute aus der Szene Vorort. Ist ja nicht so, dass wir gewisse Widersprüche nicht sehen. Aber das sind eben auch Sachen, mit denen man leben muss[…]“

Wen wundert es? Antifa ist inzwischen ein besseres Party Motto, als eine theoretische Praxis. Antifa heißt inzwischen doch nur die richtigen Klamotten zu tragen und möglichst viele Leute kennen. Die Theorie ist dabei ein schnödes Anhängsel. Lesen doch die meisten keinen Marx oder ähnliche, sondern haben ihr ganzes bisheriges Wissen nur aus Aufrufen, Flyern oder Stellungnahmen. “Indem man einer regressiven und deformierten Gestalt des Lustprinzips nachgibt, es sich leichter macht, sich gehenläßt, darf man überdies eine moralische Prämie von den Gleichgesinnten erhoffen. Das kollektive Ersatz-Überich[…].” Egotronic sagt selbst sie sind eine nahe zu pure Szene-Band. Sie machen Musik für die Szene und können davon Leben. Es ist nichts verwerfliches, davon zu leben. Außerdem höre ich auch gerne mal Egotronic, aber Egotronic ist dadurch auch von der Szene abhängig. Ohne Szene müssen Sie wohl doch wieder den beschissenen Job annehmen, um sich zu reproduzieren. Die Szene ist also doch nur ein andere Bereich des Kapitalismus, in dem nichts aufgehoben ist, nichts besser, als in jedem anderen Teilbereich der Gesellschaft. Kein Wunder, dass man Geschlossenheit zeigen muss, geht es schließlich um die blanke Existenz. Ihr seht die Widersprüche, aber ihr müsst von diesen eben Leben.

„Auf jeden Fall sind alle[damit meint er Audiolith] antifaschistisch und alle gerne bereit, sich für solche Sachen zu engagieren“

Wir sind Leute von euch, wird gesagt. Also wissen sie ja um was es geht! Es ist natürlich schön, dass alle einen antifaschistischen “Hintergrund”(Was auch immer das bedeutet) haben, aber oft gesehen hat man euch nicht. Anstatt nur Partys oder Bündnistreffen abzuhalten, sollte sich eine wirkliche radikale Linke ihre Fehler bewusst machen und Abhilfe, in Form von Aneignung von Theorie, schaffen. Der Antifa-Sumpf ist schon viel zu tief und kann leider auch nicht weiter dazuführen, die revolutionäre Umwälzung herbei zuführen. Das Konzept Antifa reicht alle mal für Carhartt-Shops an Universitäten oder Partys in “alternativen” Lokalitäten. Keine Praxis ohne Theorie!

„Dann sehen wir uns am Freitag. […]Seid aktiv, kreativ und passt auf euch auf!”

Hoffen das hat jeder getan. Leider konnte man den Aufmarsch nicht verhindern, aber wenigstens hat man es versucht. Zu diesem Thema hoffentlich demnächst noch mehr. Das Notwendige Szene-“Für/Gegen” sparen wir uns an dieser Stelle.

  1. T.W.Adorno- Marginalien zu Theorie und Praxis [zurück]
  2. An dieser Stelle soll es nicht um Theorie und Praxis gehen. Das ist ein zu weites Feld, für den heutigen Anlass. Es war nur eine Idee, die beim hören des Interviews kam. [zurück]
  3. Damit wollen wir nicht sagen, dass früher alles besser war! [zurück]